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Das kalte Herz

eine Konzert Performance nach dem gleichnamigen Märchen von Wilhelm Hauff 2009
videopresse
Harriet Maria und Peter Meining mögen gern auf Märchen zurückgreifen, ihre Inszenierungen sind mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen. Es wirkt kein bisschen verkrampft, wenn im einen Augenblick ein reizender strohblonder Junge (Noel Lode), per Video, aus dem Märchen vorliest, im anderen ein bewampter Akteur, Jörn Burmester, neun Schaumküsse mampft und mit sechs Fläschchen Bier nachspült. Und im dritten ein Mitwirkender nach dem anderen (auch die Musiker Nikolaus Woernle, Jochen Arbeit, Mark Boombastik) ans Mikro tritt und zum Beispiel aufsagt: "Deine Gnad ́ und Jesu Blut, machen allen Schaden gut"."Das kalte Herz" von norton-commander ist eine anderthalb-stündige Hauff-Horror- Show, eine Märchenexegese in Zeiten des Turbokapitalismus, ein wuchtiges Konzert mit Spielszenen.

Frankfurter Rundschau

In der Summe haben norton.commander.productions. ein anderthalbstündiges Gesamtereignis geschaffen, das wie eine Brücke aus dem romantisch-deutschen Märchenwald ins spiegelglas-fassadige Wunderwirtschaftszeitalter von heute schlägt. Ja, schlägt, denn es ist brutal, wie der arme Peter Munk sein pochendes Herz gegen eines aus Stein tauscht, um reich, reicher und armselig zu werden. Da zerren zwei Extreme an ihm, während er sein Menschsein preisgibt und ungerührt das Sterben engster Mitmenschen in Kauf nimmt. Ja, in Kauf nimmt, die harte Währung von Kriegen, Kirchen und Kommerz. Hartz IV ist da, scheint’s, nur die kleinste Münze. Was zählt, sind ständiger Rausch, Sex und Roulette. In Anlehnung an verwandte Märchenwelten könnte königlich der nackte Schluss naheliegen: Aber das Geld ist ja gar nichts wert! Doch diese Rechnung wird erst aufgemacht, wenn es auch dazu schon zu spät ist.
Eindringlich kontrastreiche Bilder haben die Meinings für ihr neues Projekt gefunden, das am Freitag als Koprodution mit dem Europäischen Zentrum der Künste und diversen anderen Partnern im Festspielhaus Hellerau uraufgeführt wurde. Der ursprüngliche Märchenstrang kommt vorwiegend als Video. Via Leinwand fasst Kinderschrift aberwitzig die Kapitel zusammen, schon das ist – auch mit den absichtlich belassenen Schreibfehlern – sehr originell. Aus Märchengrün trägt ein blonder Bube die gestraffte Handlung vor – Noel Lode macht das in seinen Filmsequenzen so rührend wie wunderbar –, während auf dem Bühnenboden fünf Darsteller und Juliane Werner als einzige Frau zu Blixa Bargeld musizieren, deklamieren und solistische wie chorische Grenzleistungen absolvieren. Nichts von der geldgeilen Realität des sich viehisch gebärdenden Homo pecuniarius bleibt da ungeschoren. Geld stinkt nicht? Von wegen! Schon der Ursprung dieser Wortschöpfung geht auf den Viehhandel zurück, in Urzeiten gültiger Wert- und Besitzmaßstab.
Die szenischen Brüche machen das Programm kurzweilig, nah am Absurden lauern Pointe und Witz, dicht dran auch Erschrecken. Im Wechsel von elektronischem Gitarrenglast, Schreiorgien und der geradezu selbstzerstörerisch anmutenden Grenzerfahrung einer Nummer aus Fressen und Saufen spricht Wilhelm Hauff aus dem Blondschopf, scheint alle Sattheit ganz schön ausgehungert zu sein. Bis zur Erlösung des Peter Munk und all seiner Opfer gelingt „Das kalte Herz“ von norton.commander zu einer atemraubend dichten Performance, über der schließlich sinnbildnerisch sechs rote Herzen schweben.
Das Finale freilich kommt als filmische Klischeekeule. Da sitzen Mutti und Vati mit Villa und Elbblick beim Frühstück mit Sohn. Der wertschöpfende Erzeuger schwingt sich aufs Fahrrad und eilt ins Büro. Die Gattin aber bringt den blonden Nachwuchs im offenen Sportflitzer einer nunmehr volkswagenen Rennmarke zur Schule – und biegt vom Neubaugrund- stück auf die Bautzner Straße. Das Mär- chen ist da längst aus, auf der Strecke bleibt die Moral.
Dresdner Neueste Nachrichten
In dieser Konzertperformance wird das Märchen über das „herzlose Wesen der Ökonomie“ zum Ausgangspunkt für eine Reflektion über den Zusammenhang von Geld und Moral .Frei nach dem Brecht Satz: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Wie abhängig ist unsere Menschlichkeit von der kaltblütig, wirtschaftlich, ökonomischen Potenz und Logik, die unseren sorglosen Wohlstand sichert?In verschiedenen Modellsituationen agieren 5 Darsteller,die auch körperliche Überforderung nicht scheuen.